Hintergrund

Flucht

80 Millionen Menschen waren im Jahr 2019 auf der Flucht, das sind ein Prozent der Weltbevölkerung und damit fast so viele Menschen wie in ganz Deutschland leben. Schau dir das folgende Video der UNHCR an, um einen ersten Eindruck von der Situation zu erlangen.

Fluchtursachen - Warum Menschen fliehen

Flucht, ist kein Phänomen, welches sich erst mit der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 auftat. Seit Jahrtausenden fliehen Menschen aus ihrer Heimat und das aus den verschiedensten Gründen. Die wichtigsten Ursachen, warum sich Menschen zur Flucht gezwungen sind, sind hierbei Krieg, Diskriminierung, Armut und Umweltkatastrophen. 

Die meisten Menschen begeben sich aber nicht gleich auf eine Flucht über den ganzen Kontinent oder in ein anderes Land, die meisten Geflüchteten sind Binnengeflüchtete, das heißt sie sind nur in eine andere Region ihres Heimatlandes geflohen. 

Aber in welchen Ländern fliehen denn überhaupt die meisten Menschen weltweit und warum?

Wenn du mehr über die unterschiedlichen Fluchtursachen erfahren möchtest, klick hier.

Kriege und Gewalt

Nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge kommen über 70 Prozent der in Deutschland asylsuchenden Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten. Während weltweit die Zahl der länderübergreifenden Konflikte abnimmt steigt die Zahl der Binnenkonflikte an. Dazu zählen beispielsweise Konflikte zwischen bewaffneten Gruppen im Land, aber auch Terroranschläge oder Drogenkriege.

In vielen Fällen richtet sich die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung was Menschenrechtsverletzungen, Massenhinrichtungen, Vergewaltigungen, Verschleppungen oder auch die Zwangsrekrutierung von jungen Männern und Kindern zum Militärdienst zur Folge hat.

Auch die Lebensgrundlagen der Menschen werden oftmals durch Krieg und Gewalt zerstört. Felder können so nicht mehr bestellt werden, Lebensmittel werden in der Folge knapp, Preise steigen und Arbeitsplätze werden zerstört.

In vielen Fällen wird die grundlegende Infrastruktur beschädigt oder zerstört. Diese umfasst unter anderem Straßen, Brücken, die Versorgung mit Wasser und Strom aber auch Schulen und Krankenhäuser.

©uno-fluechtlingshilfe.de

Menschenrechtsverletzungen

Wenn Menschen wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer politischen Gesinnung, ihrer Religion oder ihrer Sexualität verfolgt, diskriminiert oder bedroht werden spricht man von Menschenrechtsverletzungen. So droht beispielsweise in 10 Ländern der Welt Homo- und Transsexuellen Menschen die Todesstrafe, in anderen Ländern müssen sie mit langen Haftstrafen rechnen.

In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen ist das Recht auf Asyl unter Artikel 14.1. festgeschrieben:

„Jeder hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen.“

Wie groß letztendlich der Anteil der Geflüchteten, welche aufgrund von Menschenrechtsverletzungen fliehen an der Gesamtzahl der Geflüchteten ist lässt sich nur schwer einschätzen, da sich Fluchtgründe oftmals überlappen, gegenseitig verstärken und nicht klar voneinander abgrenzen lassen.

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Die Verfolgung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung

In vielen Ländern der Welt sind Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung Diskriminierung, Verfolgung und Kriminalisierung ausgesetzt. Stand 2020 wird  für einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen gleichgeschlechtlichen  Erwachsenen in 6 Staaten sogar die Todesstrafe angewandt, in 5 weiteren ist sie zumindest möglich. Die International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association gibt jährlich einen Überblick über die Situation in den verschiedenen Ländern heraus.

Karte des ILGA (International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association): „Gesetze zur sexuellen Orientierung in der Welt“

Wie schwierig sich die Situation für die LGBTI+ Community auch in Ländern gestaltet, in denen Homosexualität nicht per se strafbar ist zeigt sich anhand  der Situation in der russischen Teilrepublik Tschetschenien.


Seit 2017 kommt es in der Kaukasusrepublik vermehrt zu Verfolgungen, Folterungen und außergerichtlichen Hinrichtungen homosexueller, welche von den staatlichen Autoritäten geduldet und teilweise selbst ausgeführt wird.

Republikpräsident Ramzan Kadyrov möchte davon nichts wissen und leugnet sogar die Existenz Homosexueller in der Tschetschenischen Republik:

Allerdings hört die Verfolgung von Menschen aufgrund ihrer Sexualität nicht auf sobald sie, in diesem Fall, die Grenzen Tschetscheniens hinter sich lassen, wie die folgenden zwei Beispiele verdeutlichen:

Movsar Eskarkhanov, ein homosexueller Tschetschene wurde 2017 in einer Asylunterkunft in Eisenhüttenstadt von drei Tschetschenen attackiert, welche versuchten ihn aus der Unterkunft zu entführen. Lediglich durch das Eingreifen einer Gruppe weiterer Geflüchteter konnte dies verhindert werden. ©time.com

Tumso Abdurakhmanov, ein tschetschenischer Menschenrechts-Blogger, welcher die Republik 2015 verlassen hatte, nachdem er mehrere Todesdrohungen erhalten hatte, wurde im Februar 2020 in der schwedischen Stadt Gävle angegriffen und verletzt. Zwei Männer waren in sein Haus eingedrungen und attackierten ihn während er schlief. Abdurakhmanov schaffte es die Angreifer abzuwehren und überlebte den Überfall. ©occrp


Hunger

Um zu überleben sind viele Menschen, welche unter Hunger leiden zur Flucht gezwungen. Offiziell anerkannt als völkerrechtliche Konvention ist Hunger als Fluchtursache jedoch nicht. Jedoch tritt Hunger oft als Folge von Armut, herbeigeführt durch gewaltsame Konflikte oder klimatische Veränderungen auf.

Auch Auseinandersetzungen um den Zugang zu Land und Wasser können Nahrungsmittel- und Trinkwasserknappheit zur Folge haben. Dadurch sind Menschen gezwungen in andere Regionen abzuwandern um ihr Überleben zu sichern.

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Klima und Umwelt

Für viele Menschen sind die Auswirkungen der weltweiten Klimaveränderungen bereits derart spürbar, dass sie deswegen ihre Heimat verlassen. So zum Beispiel nach verheerenden Naturkatastrophen, welche durch den Klimawandel hervorgerufen wurden. Dazu gehören unter anderem Überschwemmungen, Erdrutsche, Taifune, Hurrikans oder anhaltende Dürren.

Zur Hilfe für Geflüchtete zählen so auch Umweltaspekte wie die Wiederaufforstung, die Einführung von Solar-Öfen, die Förderung nachhaltiger Wasser- und Landwirtschaft und auch Aufklärungsarbeit welche für Umweltbewusstsein sensibilisiert.

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Der Weltrisikoindex misst die Gefährdung gegenüber Naturkatastrophen weltweit.

Fluchtrouten- Wie kommen Menschen nach Europa?

Wenn Menschen aber in ihrem gesamten Land keine Zukunft mehr sehen und ihr Leben in Gefahr ist, begeben sie sich häufig auf die sehr gefährliche Flucht. Dabei überqueren sie oftmals viele Landesgrenzen, um nach Europa zu gelangen und dort Asyl zu erhalten. Aber wie kommen die Menschen eigentlich auf das Europäische Festland?

Europa aufs Ohr

In der Folge "No more Morias?!" unseres Europa-Podcasts erfährst du mehr über die Probleme der aktuellen Migrationspolitik:

Exkurs: Afghanistan

In Afghanistan herrscht nicht erst seit dem Kampf gegen das Taliban-Regime 2001 Krieg. In den vergangenen 40 Jahren wurde die halbe Bevölkerung vertrieben, ein Drittel floh ins Ausland, und mehr als eine Million Menschen wurde bei Kämpfen getötet.

Seit dem ersten britisch-afghanischen Krieg heißt die Gegend "Graveyard of the Empires" – Friedhof der Großmächte. 

Scheitern der Sowjetunion und die Folgen

Auch die Sowjetunion bekam das zu spüren. Sie unterstützten Ende 1979 die afghanischen Kommunisten, die sich eher schlecht als recht seit 1978 an der Macht hielten.

Durch die Entsendung sowjetischer Truppen nach Afghanistan internationalisierte sich die Auseinandersetzung. Sie wurde zu einem Krieg zwischen den Sowjets und ihren afghanischen Verbündeten auf der einen Seite und Mudschaheddin-Gruppen – die von den USA militärisch und finanziell unterstützt wurden – auf der anderen Seite.

Die sowjetischen Truppen, die bis zu 100.000 Mann stark waren, scheiterten nach zehn Jahren in Afghanistan. 1989 zogen die letzten sowjetischen Soldaten ab.

1989: Sowjetischer Abzug aus Afghanistan | bpbAbzug sowjetischer Truppen aus Afghanistan, 1989 ©picture alliance/dpa

Doch am Hindukusch wollte kein Frieden einkehren. Im April 1992 beseitigten die Mudschaheddin mit dem Sturz der kommunistischen Regierung unter Präsident Nadschibullah auch den letzten sowjetischen Einfluss. Auch die Amerikaner ließen ihre Geheimdienst-Aktivitäten ruhen, und die Gelder für Afghanistan wurden gestoppt.

Der Rückzug der Sowjetunion und auch das Ende des amerikanischen Engagements hinterließen ein Machtvakuum. Nach Nadschibullahs Sturz geriet der Machtkampf zwischen den nunmehr zerstrittenen Mudschaheddin-Gruppen des ehemaligen afghanischen Widerstandes außer Kontrolle.

Viele Gebiete des Landes verfielen in Anarchie und gelangten unter die Kontrolle sogenannter Warlords. Plünderungen, Vergewaltigungen und andere Gewalttaten waren an der Tagesordnung. Was folgte, waren jahrelange ethnische Konflikte unter den verschiedenen Mudschaheddin. Es herrschten grauenhafte Zustände, kaum einer traute sich noch aus dem Haus – jahrelang.

Herrschaft der Taliban

In dieser Zeit gründeten sich die radikalislamischen Taliban unter Mullah Omar im Süden des Landes, in der Nähe Kandahars. Ihre Gründung wurde von Pakistan und den USA finanziell und materiell unterstützt. Unter strenger Auslegung der Scharia sorgten sie für Ordnung, wo es schon lange keine mehr gab.

Sie nahmen auch Jihadisten aus aller Welt in Afghanistan auf. Zunächst wurden die Taliban vom Großteil der Bevölkerung Afghanistans willkommen geheißen. Schnell marschierten sie voran und nahmen bereits 1996 die Hauptstadt Kabul ein.

Aber mit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan begann für die Bevölkerung ein Schreckensregime, das sie nahezu ins Mittelalter zurückwarf. Das Land geriet international ins Abseits, Handel und Wirtschaft kamen zum Erliegen, und die Bevölkerung litt unter Hunger und Krankheit.

Zusätzlich hatten der international gesuchte Top-Terrorist Osama Bin Laden und seine Terrororganisation Al Qaida Unterschlupf in Afghanistan gefunden. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 wurde das Land aufgefordert, Osama Bin Laden auszuliefern. Dem verweigerte sich die Taliban-Regierung jedoch, und so wurde Afghanistan erneut zum Kriegsschauplatz.

Datei:Osama bin Laden portrait.jpg 

Osama Bin-Laden ©canadafreepress.com

Die USA erklärten Al Qaida und den Taliban den Krieg und schickte seine Armee nach Afghanistan. Den US-Soldaten folgte kurze Zeit später auch die NATO, um den internationalen Terrorismus zu bekämpfen und Afghanistan von der Herrschaft der Taliban zu befreien.

Im Dezember 2014 endete die NATO-Kampfmission in Afghanistan. Anfang 2015 löste außerdem die NATO-Trainingsmission Resolute Support Mission (RSM) die Vorgängermission ISAF (Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe) ab – an RSM ist auch Deutschland beteiligt.

Doch nach dem Abzug der Truppen und der Bildung einer Regierung der nationalen Einheit sorgten die Taliban in vielen Provinzen mit Gewalt dafür, dass Afghanistan instabil blieb. Vor allem junge Menschen und solche mit Schulbildung sahen keine Zukunft in ihrer Heimat und flüchteten ins Ausland.

Machtübernahme der Taliban 2021

Ende 2020 kündigte der damalige US-Präsident Donald Trump an, sämtliche US-Truppen aus Afghanistan zurückzuziehen. Der Abzug der US-Armee sowie der internationalen Truppen, darunter auch Deutschland, begann im Mai 2021. Zur gleichen Zeit rückten die radikalislamischen Taliban wieder vor; beim afghanischen Militär stießen sie kaum auf Widerstand. Mitte August übernahmen die Taliban erneut die Macht im Land.

Die NATO-Staaten wurden von der Entwicklung und vor allem der Schnelligkeit völlig überrumpelt. Zum Zeitpunkt der Machtübernahme waren noch viele Botschaftsangehörige, Mitarbeiter von Presse und Hilfsorganisationen sowie die afghanischen Ortskräfte im Land. Es begann eine dramatische internationale Evakuierungsaktion, bei der etliche Menschen starben.

©planet wissen

Schau dir für tiefergehende Hintergrundinformationen zur Thematik gern das folgende Video an:

Informationen zur aktuellen Lage und Entwicklungen in Afghanistan findest du auf unserer Website unter "Aktuelles".